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Die Parkraumbewirtschaftung bricht in neue Welten auf

Game Changer: Selbstfahrende und -parkende Autos wie dieses Modell von Tesla eröffnen neue Chancen und begründen bislang unbekannte Risiken. Foto: Shutterstock

Technologische Trends wie automatisiertes Einparken, kamerabasierte Kennzeichenerfassung, elektronische Zugangsmedien und Apps verändern das Parken. Ähnlich wie das Papierticket und die Schranke wird auch das Bargeld von digitalen Lösungen verdrängt. So wird sich auch die Parkraumbewirtschaftung allmählich ändern.

Verbreitet ist das Papierticket das übliche Medium, wenn es ums Zahlen im Parkhaus geht. Der Klassiker im Visitenkartenformat macht jedoch inzwischen vielerorts Platz für neue Lösungen, bei denen bargeldlos und teils sogar ohne Schranke gearbeitet wird. Systeme mit automatischer Erkennung des Nummernschilds und bargeldloser Zahlung sind international zum Teil bereits weit verbreitet. So bietet der Parkraumbewirtschafter APCOA Parking eine solche Lösung bereits auf 104 Off-Street-Parkplätzen in ganz Norwegen an. In diese Zahl eingeschlossen sind Parkplätzen an 30 Flughäfen. Weitere Standorte werden derzeit ausgestattet.

App und Chip statt Parkticket und Bargeld: Mit APCOA FLOW können Kunden in rund 200 Parkobjekten ihr Auto abstellen, ohne das Fenster herunterzukurbeln und an die Kasse zu gehen. Foto: APCOA

Free-Flow-Parken als neue Perspektive
Vergleichbare Ansätze verbreiten sich zunehmend auch im deutschen Sprachraum. „In Deutschland gibt es bereits zehn Standorte, die barrierefrei und ohne Ticket arbeiten“, sagt Parkexperte Thomas Veith. Als Geschäftsführer der Autopay Deutschland GmbH, einem Anbieter digitaler Parkabfertigungs- und Managementsysteme und als Inhaber des Beratungsunternehmens ParkraumWerte, blickt Veith auf die Etablierung neuer Anwendungen, die das Parken für Kunden und Betreiber gelichermaßen vereinfachen sollen. Seine fachliche Sicht auf aktuelle Entwicklungen bei Zugangs- und Zahllösungen hat er zuletzt beim Kompetenzforum Parken vorgestellt, das der Bundesverband Parken im November in Würzburg veranstaltet hat. Traditionelle Bewirtschaftungsmodelle seien laut Veith mit Schmerzpunkten gekennzeichnet. Dies gelte für Kunden und Betreiber gleichermaßen. Betroffen davon sei besonders der oft umständliche Umgang mit Ticket, Schranke und Bargeld.
Smarte, digitale Ansätze sollen das Bezahlen einfacher und flexibler machen: Auf Hardwareseite werden bei Free-Flow-Ansätzen Kameras genutzt, die das einzelne Kfz-Kennzeichen von vorne und hinten aufnehmen können. Kunden können über die Hinterlegung ihrer Nutzerdaten automatisch zahlen, wenn sie ausfahren. Sie seien dazu aber nicht gezwungen und könnten die Zahlung auch später erledigen, sagt Thomas Veith. Die Nutzerdaten sollen im idealtypischen Modell mithilfe einer Cloud-Lösung und sicherer Datenverbindungen gespeichert werden. Sie ermöglichen dem Betreiber eine genauere Analyse des Kundenverhaltens, was einnahmenseitig von Nutzen sein kann. Der Datenschutz soll gewahrt bleiben. Die Kennzeichendaten werden nach Ausfahrt und erfolgter Bezahlung gelöscht. Die Zahlung sei bei einem solchen System noch bis zu 48 Stunden nach dem Parken ohne zusätzliche Aufschläge möglich, so Veith. Die Zahlung selbst kann per Debitkarte, automatischer Abbuchung sowie bar erfolgen. Bei Nichtzahlern sollen über Kennzeichendaten die einzelnen Fahrzeughalter ermittelt werden. Einen Zwang zur Registrierung im automatischen Zahlungssystem gibt es laut Fachvortrag für die Nutzer nicht. „Das Kennzeichen hat sowieso jeder dabei. Es ist zukunftsfähig und nicht dauerhaft ersetzbar“, so Veith. Das System der Kennzeichenerkennung und des Free-Flow-Parkens sei zudem auf weitere Dienste wie E-Lade-Angebote erweiterbar. „Der Einstieg in neue Parking-Welten geht nur, wenn er konsequent beschritten wird“, so Veith.

Im Parkhaus des Mercedes-Benz Museums in Stuttgart werden für den automatisierten Parkservice spezielle Sensoren genutzt. Foto: Bosch

RFID als Alternative zum Ticket
Der Parkraumanbieter APCOA PARKING will mit seiner digitalen Plattform neue Impulse in die Parken Branche bringen. Die Parken-App APCOA FLOW ist nach Angaben des Unternehmens bereits in über 200 Parkhäusern in ganz Deutschland nutzbar. Sie wird in Kombination mit einem RFID-Chip genutzt. Es können rund 100.000 Stellplätze mit Hilfe der App gebucht werden. In den teilnehmenden Parkhäusern können APCOA-Kunden ohne Ticket ein- und ausfahren sowie bargeldlos bezahlen. Der einzelne Parkvorgang wird vom System im Hintergrund erfasst und über eine hinterlegte Kreditkarte abgerechnet. In der Praxis findet die App das nächstgelegene Parkhaus am Reiseziel und navigiert den Fahrer dort hin. Das Fahrzeug wird über den RFID-Chip erkannt, wodurch sich die Schranken im Eingangsbereich automatisch öffnen. Der Betreiber plant, zukünftig alle rund 300 APCOA-Parkhäuser in Deutschland mit APCOA FLOW zu verknüpfen. Damit könnten bundesweit über 230.000 Stellplätze digital gebucht werden. Das Programm kann in den gängigen App-Stores von Google und Apple heruntergeladen werden. Den individuellen RFID-Chip befestigt der Kunde an der Windschutzscheibe des eigenen Fahrzeugs. Alternativ kann auch eine spezielle Trägerkarte als Untergrund genutzt werden. Diese soll dem Kunden eine höhere Flexibilität ermöglichen.

Das neue Mitarbeiterparkhaus des Klinikverbundes medius KLINIKEN in Kirchheim unter Teck arbeitet schranken- und ticketlos. Foto: Huber Integralbau

Anwendungsfälle in Kirchheim und Montabaur

Ein Anwendungsbeispiel für Free-Flow-Parken ist seit Juli 2019 in Kirchheim unter Teck zu finden. Das dortige 166 Stellplätze umfassende Mitarbeiterparkhaus des Klinikverbundes medius KLINIKEN wurde von dem Parkhausbauer HIB Huber Integralbau errichtet. Der Betreiber nutzt ein schranken- und ticketloses System. Dabei wird bargeldlos abgerechnet. Die Einfahrt ist nachts durch zwei Rolltore gesichert. Weitere ticket- und schrankenlosen Parksysteme hat unter anderem Scheidt & Bachmann umgesetzt. So parken seit Dezember 2018 Autofahrer nördlich des ICE-Bahnhofes Montabaur mittels Kennzeichenerkennung. Nach eigenen Angaben hat der Systemhersteller dort im Auftrag der Stadt Montabaur das größte ticket- und schrankenlose Parksystem Deutschlands eingerichtet. Das Free-Flow-System, welches sich vor allem an Bahnpendler richtet, nutzt laut Hersteller keine Geräteschnittstelle oder Trigger wie etwa Bodenschleifen. Je zwei Kameras an Ein- und Ausfahrtspur zeichnen das vordere und das hintere Kennzeichen der Fahrzeuge auf, die das Gelände ansteuern oder verlassen. Gegen Missbrauch werden eine Richtungserkennung und ein Infrarotsystem eingesetzt. Nutzer geben am Kassenautomaten das Kfz-Kennzeichen ihres Fahrzeugs ein und bekommen dann die fälligen Kosten angezeigt. Sie können bar, per App oder Girokarte beglichen werden.
Ähnliche Systeme werden auch bei Einkaufszentren eingesetzt. So sind Free-Flow-Systeme von Scheidt & Bachmann auch an der Königshof-Galerie in Mettmann sowie am Einkaufszentrum EVER.S in München installiert worden. In beiden Anwendungsfällen dient das Kfz-Kennzeichen als zentrales Kontrollmedium: Mit der barrierefreien Lösung entervo.ticketless parking soll dem Unternehmen zufolge das Autokennzeichen zum alleinigen Kontrollmedium werden. So muss der Fahrer an der Ein- und Ausfahrt nicht mehr mit einem Zugangs- oder Zahlsystem interagieren.

Forscher des FZI – Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe entwickeln ein autonomes Parkhaus-Management-System. Dazu wurde das Testparkhaus mit speziellen Kameras erfasst. Foto: FZI – Forschungszentrum Informatik

Automatisiertes Parken in der praktischen Anwendung

Weitere neue Lösungsansätze mit digitalem Schwerpunkt ergeben sich im Bereich der Serviceangebote im Valet Parking. Besonders an Flughäfen wie etwa Hamburg, Düsseldorf oder Frankfurt verbreitet, handelt es sich ursprünglich um ein Angebot, bei dem der Kunde sein Fahrzeug die Hände einer Servicegesellschaft übergibt, die das Einparken als Dienstleistung übernimmt. Dass dabei Technisierung und Digitalisierung eine zunehmende Rolle spielen, zeigen aktuelle Weiterentwicklungen: So wird im automated Valet Parking wird mit digitaler Unterstützung eine vollautomatisierte und fahrerlose Parkfunktion für ein entsprechend ausgerüstetes Auto angeboten. Für ein neues automatisiertes Parksystem im Parkhaus des Mercedes-Benz Museums in Stuttgart haben die Unternehmen Bosch und Daimler bereits die Freigabe der zuständigen Behörden in Baden-Württemberg erhalten. Der automatisierte Vorfahr- und Einparkservice wird per Smartphone-App abgerufen. In der Praxis muss der Fahrer lediglich ins Parkhaus einfahren, an einer Übergabefläche aussteigen und das Auto per Smartphone-App zum Parken schicken – der automatisierte Parkservice kommt ohne Fahrer aus. Während dieser das Parkhaus bereits verlassen und sich anderen Dingen widmen kann, fährt das Auto selbstständig zu einem zugewiesenen Stellplatz und parkt ein. So kommt das Auto auch wieder vorgefahren. Genutzt werden Sensoren im Parkhaus, die den Fahrkorridor sowie dessen Umfeld überwachen und Informationen zur Steuerung liefern. Die Technik im Auto setzt die Befehle der Infrastruktur in Fahrmanöver um.
Alternativ werden inzwischen auch spezialisierte Roboterfahrzeuge genutzt, die ähnlich wie ein Gabelstapler arbeiten. Sie laden ein abzustellendes Auto in einer Übergabebox auf und fahren es selbstständig zu einem Stellplatz. Auf Wunsch des Kunden kann das Auto am Ende des Parkvorgangs wieder in die Übergabebox zurückgeholt werden. Ein solches System wird seit 2014 im Parkhaus 3 des Flughafens Düsseldorf angewandt. Die Vorteile des Parkroboters RAY liegen laut Hersteller serva transport systems GmbH neben dem Komfort für den Endkunden auch in einer effizienteren Nutzung des Parkraums, da das Robotersystem präzisier und auf engerem Raum rangiert als der menschliche Fahrer. Da beim Abstellen der Raum zum Aussteigen wegfällt, soll es laut Hersteller möglich sein, auf gleichem Parkraum bis zu 60 Prozent mehr Fahrzeuge unterzubringen, als in einem herkömmlichen Parkhaus. Perspektivisch soll auch eine Kombination des Systems mit Aufzügen möglich sein, wodurch auch mehrgeschossige Parkhäuser damit ausgestattet werden können. Innerhalb des Testfelds Autonomes Fahren Baden-Württemberg soll die Entwicklung autonomer Parkdienste ebenfalls vorangetrieben werden. Im Projekt SmartEPark strebt das FZI – Foschungszentrum Informatik eine flexible Kommunikation von Parkhaus-Infrastruktur mit Fahrzeugen verschiedener Autonomiegrade und Hersteller an. Ohne den Fahrer sollen autonome E-Autos künftig zu Parkplätzen und Stromlade-Stationen geleitet werden.
Davon verspricht man sich einen entscheidenden Vorteil: Der knappe Parkraum soll besser ausnutzt werden, weil die Autos dichter geparkt werden können. Für ihre Tests haben die FZI-Wissenschaftler das Parkhaus am Fasanengarten in Karlsruhe mit mobiler Sensorik, wie beispielsweise Rundum-Kameras und speziellen Sensoren ausgestattet. Mit sogenannten LiDAR-Sensoren (Abkürzung für „Light Detection and Ranging“), können laserbasiert Abstands- und Geschwindigkeitsmessungen vorgenommen werden. Per WLAN kommunizieren zudem Road-Side-Units mit einfahrenden Autos, melden ihnen die von den Sensoren entdeckten Hindernisse und leiten sie zu freien Parkplätzen oder Ladestationen. Ziel ist es, dass nicht nur vollautomatisierte, sondern auch teilautonome Autos selbstständig einen freien Stellplatz oder eine Ladesäule ansteuern können.

Dank des Parkroboters RAY brauchen Autofahrer im Parkhaus 3 am Flughafen Düsseldorf nicht mehr selbst einzuparken. Foto: serva transport systems GmbH

Orientierung mit digitaler Unterstützung

„Die Intelligenz muss stärker auf der Seite der Parkhaus-Infrastruktur liegen, die ihre Informationen an die unterschiedlichen Fahrzeuge anpasst“, sagt Prof. J. Marius Zöllner, FZI-Vorstand und Direktor für Technisch-Kognitive Assistenzsysteme. Die Forscher analysieren, wie die digitale Technik mit dem Parkhaus als Umgebung umgehen kann: Die FZI-Forscher bilden das Fahrzeug und die Parkhaus-Umgebung in einem Simulationsprogramm originalgetreu nach und testen Funktionalitäten, welche später in der Realität eingesetzt werden. Dabei geht es unter anderem um die Frage, in welchem Format Parkplätze und andere Umgebungspunkte im Parkhaus am besten markiert werden können, um für möglichst viele Fahrzeuge lesbar zu sein und wie Fahrzeuge am effizientesten zu ihrem Parkplatz geleitet werden.

Hochgenaue Karten sind auch im Projekt Kooperative Mobilität im digitalen Testfeld Düsseldorf (KoMoD) genutzt worden, das am Institut für Kraftfahrzeuge (ika) der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen umgesetzt wurde. Daran waren 16 Projektpartner aus Wirtschaft und Industrie beteiligt. Neben einer rund 20 Kilometer langen Teststrecke für das autonome Fahren in Düsseldorf ist zum Testen des automatisierten Valet Parkings ein Parkhaus des Projektpartners Vodafone mit Sensoren ausgestattet worden. Dazu gehörten Geräte, die erkennen können, ob ein Parkplatz frei oder belegt ist sowie ein Server, der alle gesendeten Informationen verarbeitet. Über Mobilfunk mit den Fahrzeugen im Parkhaus verbunden, konnte der Zielstellplatz und der Weg dorthin für ein Versuchsfahrzeug vorgegeben werden. Der Pfad dorthin konnte automatisiert abgefahren werden. Der Fahrer hat das Auto lediglich in einer speziellen Übergabezone geparkt. Auch hier stellten rechnergestützte Prozesse wie Umgebungserfassung, Trajektorienplanung, Umgebungserfassung und die Lokalisierung des Fahrzeugs im Parkhaus zentrale Elemente dar. Digitale Innovation, kreative bautechnische Ideen und neue Dienstleistungen im Bereich Zahlung und Zugang bieten aktuell Perspektiven auf spannende neue Parkwelten.